Boat People

Nach Europa – lebend oder tot.

Von Robert Klement, TOPIC 07/2005

Flüchtlinge und ein Polizist

Der Mann ist wütend. Er reißt mir den Film aus der Kamera, dann versetzt mir der Carabiniere einen Stoß und schreit, ich soll mich hier nie wieder blicken lassen: „Vattene – hau ab!“
Das Flüchtlingslager auf der italienischen Insel Lampedusa ist militärisches Sperrgebiet – Journalisten unerwünscht!
Von dem Stacheldrahtverhau weht einem starker Müllgestank entgegen. Hier leben 600 Flüchtlinge – in einem Lager, das bloß für 150 ausgerichtet ist.
Mehr als 1000 Afrikaner wagen jede Woche die Flucht über das Mittelmeer. Sie erhoffen sich ein besseres Leben, zahlen Unsummen an Schlepper, werden wie Vieh in Boote gepfercht. Viele ertrinken bei dem Versuch Europa zu erreichen.
Die Menschen im Lager hatten Glück und überlebten die Überfahrt. Ob sie bleiben dürfen oder abgeschoben werden, entscheidet sich in den nächsten Monaten.
Landkarte

Dem Meer übergeben

Siad zahlte für drei Plätze (für sich, seine Frau und sein Kind) 2500 Euro auf einem Uralt-Fischkutter. Er kommt aus Somalia, das seit 13 Jahren in Anarchie und Chaos versinkt. Dort hat er Haus und Vieh an die Kriegsherren abgeben müssen.
„Wir hatten nichts mehr zu verlieren“, meint er. In ein bis zwei Tagen würde er Lampedusa, den südlichsten Fleck Europas, erreichen, sagten ihm die Schlepper. Von Tunesien aus sind es ja bloß 70 Meilen bis zum Paradies. Zehn Stunden nach dem Ablegen erlitt das mit 85 Personen völlig überladene Boot einen Motorschaden und schaukelte antriebslos auf den Wellen.Die Flüchtlinge hatten nur für zwei Tage Wasser und Nahrung.
Nach fünf Tagen mussten sie die ersten Leichen, darunter mehrere Kinder, dem Meer übergeben. Nach zehn Tagen konnten die Soldaten der „Guardia Costiera“ bloß 15 Personen retten.
Seit 1999, dem Beginn der Massenflucht, ertranken mehr als 4000 afrikanische Bootsflüchtlinge im Mittelmeer. Sie flohen vor dem Bürgerkrieg in Liberia, der Hungersnot in Äthiopien, dem Elend im Kongo.
Flüchtlinge aus Nordafrika landen auf LampedusaEndstation Paradies: Flüchtlinge aus Nordafrika landen auf Lampedusa

Das Geschäft mit der Not

Viele geben an, politisch Verfolgte zu sein, und wollen so die Zurückweisung verhindern. Ein Teil wird abgeschoben, ohne dass den Flüchtlingen überhaupt die Möglichkeit gegeben wird, einen Asylantrag zu stellen. Ein klarer Verstoß gegen das Völkerrecht!
Das Geschäft mit der Not floriert. Die Gewinne sind im Schleppergewerbe höher als im Drogenbusiness. Skrupellose Menschenschmuggler verladen das Armutsheer auf „Seelenverkäufer“, schrottreifer Kähne. Viele verdursten bei den Fußmärschen durch die Sahara, mindestens ebenso viele werden unterwegs von Räubern umgebracht.
Wer das ersehnte Ziel, die Europäische Union, erreicht hat, den zieht es als Schwarzarbeiter in den norditalienischen Industriegürtel, wo die Afrikaner willkommen und umworben sind.
Manche Flüchtlinge versuchen es durch die Meerenge von Gibraltar, das „größte Wassergrab Europas“. Doch dieser Fluchtweg wird inzwischen schärfstens überwacht. Wer es trotzdem schafft hat gute Aussichten, in Südspanien als illegaler Taglöhner auf Plantagen zu schuften.

Das Ende des Traums

HolzkreuzeDer Friedhof der Namenlosen auf Lampedusia liegt nur wenige hundert Meter vom Auffanglager entfernt. Hier liegen die Gescheiterten, die ein gemeinsamer Traum verband. Auf den Holzkreuzen stehen Nummern statt Namen. Niemand weiß, wie sie heißen und woher sie kamen. „Povera gente – arme Leute“, schluchzt eine alte Dame. „Es sind doch keine Tiere, es sind Menschen die ein besseres Leben erhofften.“
Die Festung Europa schottet sich immer besser gegen die ungebetenen Gäste aus dem Süden ab, baut ihre Mauern jeden Monat ein bisschen höher. In Nordafrika plant die Europäische Union die Errichtung von Auffanglagern. Die Küstenwachen arbeiten mit Radaranlagen, modernen Schnellbooten, Infrarotsichtgeräten und Satellitenunterstützung. Tunesien, Libyen und Marokko sollen von der EU mit Jeeps und Hubschraubern ausgerüstet werden, damit sie ihre Grenzen dicht machen und Flüchtlinge erst gar nicht bis an die Küste Nordafrikas kommen lassen.
In Afrika ist die Armut weiter gewachsen und mit ihr die Zahl der Menschen, die ihr zu entkommen versuchen. Nahezu jeder junge Mensch träumt davon, das Elend hinter sich zu lassen. Tausende stehen an den Küsten zur Abfahrt bereit.
Afrika, der Kontinent der verlorenen Hoffnungen, sitzt auf gepackten Koffern.

AKTUALISIERT AM: 15−12−2017 
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